Vortragsreihe: Römer und Germanen in Nordwestdeutschland
2008-2009

Vom 14. Oktober 2008 bis 10. Juni 2009 haben Universität und Stadt Osnabrück eine sehr erfolgreiche vierzehntägige Vortragsreihe organisiert, die in der Volkshochschule stattfand, wozu sich regelmäßig zwischen 100 und 180 Teilnehmer einfanden.

Ziel der Vortragsreihe war es, ein lebendiges Bild der antiken Verhältnisse in Nordwestdeutschland zu vermitteln. Im Norden des Imperiums legte Caesar weitgehend willkürlich den Rhein als Grenze zwischen römischer und germanischer Einflusssphäre fest. Ab dem 2. Jahrzehnt v. Chr. wurden auch als Folge innerer germanischer Auseinandersetzungen und germanischer Übergriffe viele Truppen am Rhein zusammengezogen, und es entstanden die ersten Militärlager. In der Folgezeit griff Rom in den Jahren zwischen 12 v. und 16. n. Chr. auch in das rechtsrheinische Germanien aus. Eine Vorfeldsicherung Galliens stand zuerst im Mittelpunkt des römischen Interesses, das sich dann spätestens zur Zeit des Varus (6-9 n. Chr.) in das Bedürfnis wandelte, die kontrollierten Gebiete zur römischen Provinz zu machen. Die Folgen, die Niederlage des Varus, die Rachefeldzüge des Germanicus, dessen Abberufung durch Kaiser Tiberius und die Aufgabe des Konzepts einer Provinz Germania bis hin zur Elbe sind hinlänglich bekannt. Roms Grenze beschränkte sich in Niedergermanien auf die Rheinlinie. Vorherrschend im Umgang mit den rechtsrheinischen Stämmen wurden wieder die Mittel der Diplomatie. Im Barbaricum tauchen römische Waffen, Gebrauchsgegenstände und Münzen in großer Anzahl auf. Sie sind Belege für die vielschichtigen römisch-germanischen Kontakte, etwa von Germanen, die im römischen Heer als Söldner ihren Dienst taten, aber auch von germanischen Beutezügen in die reichen römischen Provinzen. In der jüngeren römischen Kaiserzeit bzw. in der Völkerwanderungszeit erscheinen dann in den Quellen für das heutige Niedersachsen Franken und Sachsen.


Die Vortragsreihe will diese vielschichtigen Strukturen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Wie entstanden die ersten römischen Lager am Rhein und wie sahen sie aus? Wie war die militärische Infrastruktur zur Zeit der Drususfeldzüge, zur Zeit des Tiberius bzw. Varus oder auch zur Zeit der Rachefeldzüge des Germanicus? Wie passen die neu entdeckten militärischen Anlagen - etwa Hedemünden - in dieses Schema? Welche Konzepte römischer Germanienpolitik gab es und welches Bild von Germanien und Germanen besaßen die Römer? Wie und wann rücken die germanischen Stämme in den Blick römischer Politik, wie siedelten diese und welches Verhältnis bauten sie zu den Römern auf? Was lässt sich etwa durch den Thorsberger Moorfund in Angeln und weitere Schatzfundhorizonte über die innergermanischen Verhältnisse aussagen? Welche wirtschaftlichen Vorteile zogen die Germanen aus den benachbarten, blühenden Provinzen Roms? In der Spätantike siedelten immer mehr Germanen auf römischem Reichsboden: Wie voll¬zog sich ihre Integration in die Provinzialbevölkerung?
Die Vortragsreihe steht im Zusammenhang mit dem internationalen Kongress als Teil des Projektes „IMPERIUM – KONFLIKT – MYTHOS. 2000 Jahre Varusschlacht“. Der Kongress findet im September 2009 in Osnabrück statt und beschäftigt sich mit Fragen zur römischen Grenz- und Okkupationspolitik im Zeitraum von Caesar bis Domitian.

Die offizielle Broschüre können Sie hier herunterladen! (PDF 2,25 MB)


Zusammenfassungen der Vorträge

14. Oktober 2008
Weder Kelten noch Germanen – Nordwestdeutschland in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende
Sebastian Möllers (Stadt- und Kreisarchäologie, Osnabrück)

Nordwestdeutschland ist nach wie vor ein weißer Fleck auf den gängigen Verbreitungskarten der Kulturgruppen am Ende des letzten vorchristlichen Jahrtausends. Weder kulturelle noch ethnische Zuordnungen scheinen möglich, ein Problem, das durch die jüngste Diskussion um die Verwendung der Begriffe „Kelten“ und „Germanen“ zusätzlich erschwert wird. Der Vortrag stellt vor diesem Hintergrund die Frage, ob es der derzeitige Forschungsstand überhaupt rechtfertigt, weiterhin von Kelten und Germanen zu sprechen – und wenn ja, welche Bedeutung diese Begrifflichkeiten vor dem Hintergrund archäologischer Funde haben und inwieweit sie im nordwestdeutschen Raum für die Jahrhunderte vor der Zeitenwende brauchbar erscheinen.
Verschiedene Fundstellen, die in den vergangenen zehn Jahren für eine neue Diskussion zur Bewertung der Jahrhunderte vor Christi Geburt im Norden führten werden im Verlauf des Vortrags vorgestellt. Dabei ist von besonderem Interesse, inwieweit das bisherige Bild einer homogenen, elitefreien und im Vergleich zum Süden kontaktarmen, d.h. wenig vernetzten, Bevölkerung im Nordwesten aufrecht erhalten werden kann. Dem schlichten Fundbild der Siedlungs- und Grabfunde stehen inzwischen zahlreiche Prestigeobjekte, Importgüter und hochwertige Nachahmungen ganz unterschiedlich inspirierter Objekte gegenüber, ebenso wie große Mengen eiserner Gebrauchsgegenstände, die eine gute Rohstoffversorgung sowie eine hoch entwickelte Verarbeitungstechnologie offenbaren. Diese Funde stammen vor allem aus dem Bereich von Höhenbefestigungen, treten aber auch im Kontext verschiedener neu entdeckter Bestattungen zutage. Es stellt sich die Frage, welches Bild vom sozialen Gefüge der einheimischen Bevölkerung vor dem Hintergrund der Neufunde entwickelt werden kann. Weiterhin sind die durch die Funde belegten Fernkontakte zu bewerten, und es ist nach den Verkehrswegen zu fragen, die für den überregionalen Austausch zur Verfügung standen. In diesem Zusammenhang tritt auch die Frage auf, ob es sich lediglich um einen Transfer von Gütern oder auch um einen Transfer von Ideen handelt, die keinen rein technologischen, sondern auch einen kulturellen Wandel mit sich brachten.
Darüber hinaus wird diskutiert, welchen Hintergrund der neu aufgetauchte Fundniederschlag hat, d.h. wie es dazu kam, dass diese großen Fundmengen in den Boden gelangten und warum sie gerade in den letzten Jahren so massiv zutage getreten sind. Dabei wird auch das Potenzial weiterer, bisher unerforschter Fundplätze ausgelotet.
Viele der genannten Fragen lassen sich bisher noch nicht in vollem Umfang beantworten. Im Rahmen des Vortrags soll allerdings versucht werden, die neue Fund- sowie auch Befundsituation zusammenzufassen und die damit verbundenen Fragen- und Perspektiven aufzuzeigen. Dabei wird deutlich werden, wie umfassend die bisherigen Vorstellungen aufgrund der archäologischen Neufunde überarbeitet werden müssen und wie viele neue Fragen in diesem Kontext gleichzeitig auftauchen.

 

4. November 2008
Von Gewinnern und Verlierern – Das germanische Kriegsbeuteopfer vom Thorsberger Moor in Angeln
Claus von Carnap-Bornheim und Ruth Blankenfeldt M.A.
(Archäologisches Landesmuseum Schloß Gottorf, Schleswig)

Durch den militärischen Erfolg über drei römischen Legionen samt Hilfstruppen und Tross in der Varusschlacht ist der Cherusker-Fürst Arminius sicherlich zur bekanntesten Gestalt der germanischen Frühgeschichte geworden. Baustein für diesen Sieg im Jahre 9 n. Chr. war einerseits die Tatsache, dass er als ausgebildeter römischer Offizier und Kommandeur der Hilfstruppen gute Kenntnisse des römischen Militärwesen besaß. Andererseits gelang ihm mit dem Zusammenschluss der Stämme der Cherusker, Marser, Chatten und Brukterer ein tragfähiges Bündnis.
In den folgenden vier Jahrhunderten vollziehen sich elementare Veränderungen in der germanischen Gesellschaft Nordeuropas. Kriegerische Auseinandersetzungen – mit dem Römischen Imperium und innergermanische Konflikte – spielten eine wichtige Rolle bei diesen Umwälzungen. Hiervon zeugen nicht nur römische Quellen, die aufgrund fehlender schriftlicher Überlieferungen aus dem Barbaricum allerdings stets kritisch betrachtet werden müssen. Wichtigste Quellen sind hier die archäologischen Funde, die die gesellschaftlichen Entwicklungen in groben Umrissen aber auch in Details nachzeichnen können.
Eine archäologische Quellengruppe aus Nordeuropa berichtet dabei in einzigartiger Weise von Kampf, Krieg und militärischer Organisation bei den Germanen in den ersten Jahrhunderten nach Christus: Kriegsbeuteopferplätze, die aus Moorlandschaften im südskandinavischen Raum bekannt sind. Das umfangreiche Fundmaterial besteht hauptsächlich aus Waffen, militärischer und persönlicher Ausrüstung und Pferdegeschirren, wobei innerhalb einer Lokalität meist mehrere Deponierungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten nachgewiesen werden können. Nach aktuellen Forschungen stammen die Gegenstände von ortsfremden Heeresverbänden, welche von der ansässigen Bevölkerung besiegt wurden. Ihre Herkunft variiert bei den einzelnen Deponierungen innerhalb eines Moores zum Teil deutlich.
Das Thorsberger Moor in der Schleswig-Holsteinischen Landschaft Angeln ist der einzige große Kriegsbeutopferplatz in Deutschland. Mehrere Niederlegungen erbeuteter Waffen und Ausrüstungsbestandteile unterlegener Gegner, der Verlierer, wurden hier von den Gewinnern der Schlachten in den ersten Jahrhunderten nach Christus durchgeführt. Vor genau 150 Jahren fand in dem heute mit Wasser gefüllten kleinen Kesselmoor die erste systematische Ausgrabung statt. Auch nach einem so langen Zeitraum haben die archäologischen Fundstücke nichts von ihrer Faszination verloren und sind zum Teil immer noch Ausgangspunkt für neue Forschungsergebnisse. So konnte der wohl berühmteste Fund aus diesem Moor, eine silberne Gesichtsmaske und eine ihr zugeordnete Kappe aus vergoldeten Silberspangen, erst kürzlich zu einem aus dem germanischen Raum einzigartigen Ensemble neu arrangiert werden. Der hohe Anteil an Pferdegeschirren bringt grundlegende neue Erkenntnisse für die germanischen Reiterei und die Organisation spezialisierter Einheiten in einem germanischen Heer. Die Herkunft der Krieger aus den unterlegenen Heeren verraten die unterschiedlichen Gegenstände ihrer persönlichen Habe, wie Trachtelemente und Schmuck. Schließlich verdeutlichen Stücke der so genannten Prachtausrüstung die Statuskennzeichnung der Heeresanführer und das hohe technische und künstlerische Niveau, welches germanische Feinschmiede bereits zu diesem Zeitpunkt erreicht hatten.
Kriegsbeuteopfer beleuchten in einzigartiger Weise die Verbindung von Religion und Krieg. Die Deponierung von vielen Tausend Ausrüstungsbestandteilen in damaligen Seen und Mooren stellen mit Sicherheit einen Höhepunkt der Riten dar, die als Dank an eine hilfreichen Gottheit durchgeführt wurden. Derart deutliche Hinweise auf umfangreiche Kultpraktiken sind in der archäologischen Forschung selten und auch die antiken Schriftquellen erwähnen sie nur sporadisch. Damit rücken die Moorfunde Südskandinaviens und Schleswig-Holsteins in die Reihe jener archäologischen Funde, die grundlegende Beobachtungen, weitreichende Interpretationen und die Entwicklung historische Szenarien ermöglichen.

 

18. November 2008
Altsachsen im Küstengebiet und der Einfluss der Spätantike
Matthias Schön (Museum Burg Bederkesa)

Kein Abstract vorhanden.

 

2. Dezember 2008
Germanische Siedler – Römische Legionäre. Die Siedlung Bentumersiel an der Ems
Erwin Strahl (Institut für Historische Küstenforschung, Wilhelmshaven)

Bei Bentumersiel im Rheiderland an der unteren Ems wurden 1928 römische Funde entdeckt. Einer ersten Ausgrabung 1929 folgte von 1971 bis 1973 eine Untersuchung durch das Niedersächsische Landesinstitut für Marschen- und Wurtenforschung in Wilhelmshaven, das heutige Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung (NIhK). Dabei zeigte sich, dass in Bentumersiel eine germanische Siedlung gelegen hat. Fragmente der Ausrüstung römischer Legionäre aus Metall und vor allem zahlreiche Scherben von Amphoren und anderer römischer Schwer- und Feinkeramik lassen darauf schließen, dass es hier einen Kontakt zwischen Germanen und Römern gegeben hat. Die Datierung der Funde in das frühe 1. Jh. n. Chr. spricht dafür, dass die Siedlung von römischen Soldaten während der Feldzüge des Germanicus 15 und 16 n. Chr. aufgesucht worden ist. Tacitus berichtet, dass ein Teil der römischen Armee auf Schiffen in das Ems-Gebiet transportiert worden ist und die Flotte hier auf die Rückkehr der Legionäre von den Feldzügen gegen die Germanen gewartet hat. Verschiedene offene Fragen haben dazu geführt, dass die Ausgrabungen in Bentumersiel vom NIhK 2006 wieder aufgenommen worden sind.
Spuren römischer Anlagen, die belegen könnten, dass bei Bentumersiel ein Landeplatz der römischen Flotte und ein entsprechendes Feldlager gewesen sind, fehlen noch. Bislang konnten ausschließlich Reste von Häusern und Speichern der germanischen Siedlung freigelegt werden. Zwar lassen sich Höfe in der üblichen Form mit Haus und Speicher erkennen, aber anders als es bei einer bäuerlichen Siedlung zu erwarten ist, haben die Häuser in Bentumersiel keinen Stallteil mit Viehboxen besessen. Möglicherweise hat es sich hier also um eine Siedlung mit besonderer Funktion gehandelt. Es wird vermutet, dass die Bauten zu einem Stapel- und Lagerplatz für Handelsgut gehört haben. In dieser Funktion könnte die Siedlung eine gewisse Bedeutung bei der Versorgung der römischen Armee gehabt haben. Vorstellbar ist, dass vorzugsweise mit Wein gefüllte Amphoren eine Rolle bei den römisch-germanischen Kontakten gespielt haben.
Auf einen Stapel- und Lagerplatz könnte auch hinweisen, dass die Siedlung Bentumersiel nie durch eine Wurt vor Überschwemmungen geschützt worden ist, wie es sonst bei bäuerlichen Marschensiedlungen spätestens in der Römischen Kaiserzeit die Regel war. Möglicherweise ist die Siedlung also nur saisonal im Sommerhalbjahr genutzt worden, wenn die Gefahr von Überschwemmungen gering war.
Bislang ist nur ein relativ kleiner Ausschnitt der Siedlung Bentumersiel untersucht worden. Es ist daher noch nicht endgültig klar, ob Häuser ohne Stallteil wirklich repräsentativ für sie gewesen sind. So gab es in der kaiserzeitlichen Wurtsiedlung Feddersen Wierde bei Bremerhaven neben großen Wohn-Stall-Häusern auch kleine Häuser, die vornehmlich Handwerkern mit höchstens geringem Besitz von Vieh zugeschrieben werden. Zur Zurückhaltung bei der Interpretation der Siedlung als Stapel- und Lagerplatz mahnt auch, dass eine weitere Siedlung mit ähnlicher Bebauung aus dem germanischen Gebiet noch nicht bekannt geworden ist.
Die Ausgrabungen seit 2006 lassen annehmen, dass die Siedlung Bentumersiel vermutlich nicht erst in der späten Vorrömischen Eisenzeit angelegt worden ist, wie bisher angenommen, sondern bereits deutlich früher. Aus der Verfüllung eines schmalen Priels geborgene Keramik gehört zu einem großen Teil zu Gefäßtypen, die bis in das 3. Jh. v. Chr. zurückreichen können. In das 3. und 2. Jh. v. Chr. gehören auch zwei Fibeln und ein Anhänger aus Bronze, die keltische Anklänge aufweisen. Das deutet darauf hin, dass die Marschbewohner des Rheiderlands schon früh Beziehungen nach Süden gehabt haben. Eine Siedlungsschicht der Vorrömischen Eisenzeit, die durch Sediment getrennt unter der der Römischen Kaiserzeit liegen würde, ist in Bentumersiel bislang allerdings noch nicht entdeckt worden, wohl aber an verschiedenen anderen Stellen im Rheiderland.
Mit der Siedlung Bentumersiel sind eine Reihe von wichtigen historischen Fragen verbunden, deren Beantwortung Licht in ganz verschiedene Lebensbereiche der Menschen in der Flussmarsch an der Ems während der Jahrhunderte um Christi Geburt bringen kann.

 

16. Dezember 2008
Römisches Geld in Nordwestdeutschland
Frank Berger, Historisches Museum Frankfurt

Funde römischer Münzen der Zeit des Augustus jenseits der Reichsgrenzen sind weitgehend während der militärischen Unternehmungen der Jahre 12 v. Chr. bis 16 n. Chr. verloren gegangen. Diese Münzen sind nicht selten das erste Indiz für einen größeren, gar sehr bedeutenden Fundplatz. Nach ihrer Publikation weisen die Münzen der Facharchäologie wie der Hobbyarchäologie – meist sind es Sondengänger – der Weg zu weiterer Nachsuche. Das Ergebnis dieser Nachsuche ist ambivalent. Ermitteln Sondengänger den Fundplatz, so suchen sie ihn zunächst selbst ab, verheimlichen oft die Funde und zerstören Fundzusammenhänge. Kommen deren Ergebnisse dennoch der Wissenschaft zur Kenntnis, gehen die Probleme weiter. Berührungsängste der behördlichen Archäologie, verbunden mit dem Gefühl, in die Defensive gedrängt zu werden, und das Wissen um die Unrechtmäßigkeit der Fundgewinnung können dazu führen, dass Funde negiert und als unterschlagen abgestempelt werden. Wenn auf diese Weise die Bereitschaft zu jeglicher, auch widerwilliger, Zusammenarbeit fehlt, wird dadurch der Schaden für unsere Kenntnis der Vorgeschichte noch erheblich vergrößert. Demgegenüber gibt es Fälle, wo eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen ambitionierten Findern und verantwortungsbewussten Archäologen bzw. Numismatikern zum Nutzen der Sache stattfindet. Dies zeigte sich in Kalkriese und ist vor allem in Großbritannien sehr verbreitet mit großem Gewinn für die Kenntnis der Frühgeschichte.

Kalkriese
Major Tony Clunn begann seine Suche dort, wo die Osnabrücker Mitteilungen einen 1963 entdeckten, aber inzwischen verschollenen Denar, erwähnten. Er sprach mit dem Sohn des Finders und ließ sich die Fundstelle zeigen. Er entdeckte dort zunächst 162 Denare. Clunns Überlegung war, dass man am Fundplatz einer einzelnen Münze mit persönlichem Einsatz und technischen Mitteln oft auch noch mehr finden kann. Das Ergebnis ist bekannt. Ein wichtiger Faktor für die gesamte Angelegenheit ist der persönliche Aspekt. Denn glücklicherweise war der verantwortliche Kreisarchäologe, Wolfgang Schlüter, kein denkmalpflegerischer Fundamentalist, sondern jemand, der mit Menschenkenntnis und Augenmaß das für seine Aufgabe Richtige zuließ.

Hedemünden
Hedemünden befindet sich an der Verbindungslinie von der Wetterau und von Oberhessen in das südniedersächsische Leinetal. 1855 wurde in einem Tongefäß eine größere Anzahl römisch republikanischerer Denare gefunden. Westlich des Ortes liegt die „Hünenburg“, eine Anlage, die 1988 noch als mittelalterliche Fluchtburg beschrieben wurde.
Im Jahr 2000 wurde das Gerücht, man habe dort 10-15 Silber- und Kupfermünzen des Augustus gefunden, an den Kreisarchäologen Dr. Klaus Grote weitergeleitet. Dieser führte eine Prospektion durch und entdeckte Kupfermünzen des Augustus, eine Silbermünze der Römischen Republik, eine Tüllenlanzenspitze, eine Katapultgeschossspitze, eine Pilumspitze, ein Kettenknäuel, zwei Achsnägel, zwei Dolabrae und viele Schuhnägel. Dpa meldete: „Römerlager bei Göttingen entdeckt.“

 

7. Januar 2009
Ergebnisse und neue Fragestellungen der interdisziplinären Forschungen in Kalkriese
Susanne Wilbers-Rost (Museum und Park Kalkriese)

Vor mehr als zwanzig Jahren begannen die archäologischen Forschungen in Kalkriese, ausgehend von einer kleinen Probegrabung in der Nähe von Alt Barenaue, wo der Amateurarchäologe Tony Clunn im Sommer 1987 eine Ansammlung römischer Silbermünzen entdeckt hatte. Die Grabung, die von der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück unter der Leitung von Prof. Wolfgang Schlüter durchgeführt wurde, war nach kurzer Zeit beendet, und es stand die Frage im Raum, ob die Münzen im Zusammenhang mit der Varusschlacht im Jahre 9 n.Chr. in den Boden gelangt waren. An den Ort der Schlacht selbst dachte damals niemand. 1990 allerdings waren zahlreiche weitere Fundstellen mit römischen Münzen und auch mit militärischen Ausrüstungsgegenständen zutage gekommen, darüber hinaus ein Platz mit den Resten einer Wallanlage. Allmählich wurde klar, dass hier, zwischen Kalkrieser Berg und Großem Moor, Überreste eines umfangreichen Schlachtfeldes aus augusteischer Zeit, wahrscheinlich der Varusschlacht, entdeckt worden waren. Seither ist die Indizienkette, die für die Berechtigung dieser These spricht, immer dichter geworden. So zeigen die in einem Areal von mehr als 30 km2 verteilten Fundstellen mit römischen Funden ein weiträumiges Kampfareal an; darin zeichnet sich ein lang gestrecktes Defileegefecht ab, nicht ein begrenztes Schlachtfeld, auf dem zwei Armeen aufeinander trafen. Römische Truppen scheinen an verschiedenen Stellen immer wieder attackiert worden zu sein, bevor sie auf die gezielt als befestigter Hinterhalt errichtete Wallanlage trafen. Das Gelände des Flurstücks Oberesch, an der engsten Stelle zwischen Berg und Moor gelegen - heute Museum und Park Kalkriese - war zusätzlich durch den parallel zu einem Weg verlaufenden, etwa 400 m langen Wall, seitliche Bäche und die nördlich angrenzende Feuchtsenke kesselartig eingeengt. Dadurch waren die germanischen Angreifer den Römern trotz deren umfangreicher Bewaffnung, die sich heute noch in den Überresten ihrer Ausrüstung widerspiegelt, überlegen. Funde und Befunde weisen auf umfangreiche Verluste der römischen Legionen hin. Von ihrer Ausrüstung blieb wenig, von den Gefallenen fast nichts übrig. Skelettreste von Maultieren und Pferden oder gar Menschen sind Ausnahmen. Überraschend waren deshalb zunächst Gruben mit Knochenresten, für die es inzwischen aber eine Erklärung gibt: Die Knochen lagen nach der Schlacht für mehrere Jahre auf der Oberfläche, und nur spärliche Überreste wurden dann eingesammelt und auf dem Schlachtfeld in Gruben „bestattet“ - vermutlich im Jahre 15 n.Chr. von römischen Einheiten unter der Führung des Germanicus.
Der Vortrag von Dr. Susanne Wilbers-Rost wird den aktuellen Forschungsstand der archäologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchungen in Kalkriese präsentieren und darlegen, was heute anhand der Funde und Befunde zum Marsch der Römer, den Angriffen der Germanen und dem Ablauf der Kampfhandlungen gesagt werden kann. Dabei werden auch die Arbeitsweisen der Archäologen und Naturwissenschaftler vorgestellt. Die heute vorliegenden Erkenntnisse sind das Resultat langjähriger Forschungen, die noch keineswegs abgeschlossen sind, denn in Kalkriese wird erstmals eine antike Feldschlacht systematisch und multidisziplinär untersucht. Dies bedeutet langwierige Puzzle- und Detektivarbeit, verbunden mit quellenkritischen Überlegungen, um dem tatsächlichen Geschehen immer näher zu kommen. Gleichzeitig können aber auch Informationen gewonnen werden, die Archäologen bei der Erforschung anderer antiker Schlachtfelder hilfreich sein können.

 

21. Januar 2009
Die Bedeutung der Forschungen in Kalkriese für die „Schlachtfeldarchäologie“
Achim Rost, Universität Osnabrück

Üblicherweise sind es Militärhistoriker, die sich mit bedeutenden Schlachten wissenschaftlich auseinandersetzen. Auf schriftliche Überlieferungen und altes Kartenmaterial gestützt, beschäftigen sie sich mit dem Verlauf der Kampfhandlungen, rekonstruieren Geländesituation und Infrastruktur oder bewerten die Auswirkungen von Niederlagen und militärischen Erfolgen. Vor etwa 25 Jahren begannen in den USA auch Archäologen, sich für die Erforschung von Schlachtfeldern zu interessieren. Während die Aufmerksamkeit dort insbesondere militärischen Konflikten der letzten Jahrhunderte, von den Unabhängigkeits- bis zu den Indianerkriegen gilt, besteht vor den Toren Osnabrücks in Kalkriese zum ersten Mal die Chance, eine antike Feldschlacht mit modernen archäologischen Methoden zu erforschen.


In seinem Vortrag wird Dr. Achim Rost erläutern, welche außergewöhnlichen Möglichkeiten sich mit der Untersuchung dieses Schlachtfeldes ergeben. Vergleiche mit anderen Projekten der Schlachtfeld- bzw. Konfliktarchäologie verdeutlichen die unterschiedlichen Fragestellungen, mit denen sich Archäologen der neuen Fundstellenkategorie angenommen haben.
Bietet vor allem auf Schlachtfeldern der Neuzeit die Kartierung der unterschiedlichen, häufig in großer Menge zurückgebliebenen Munition die Ausgangsbasis für die archäologische Erfassung der Kampfhandlungen und den Vergleich mit historischen Überlieferungen, ist bei antiken Feldschlachten oftmals schon der Nachweis des Kampfareals sehr schwer. Die Fundmenge, die sich von antiken militärischen Konflikten bis heute im Gelände erhalten hat, kann wegen der auf die Kämpfe folgenden Plünderungen sehr gering sein, da Kettenpanzer und andere Rüstungen, Schilde, aber auch Schwerter und selbst Lanzen zu wertvoll waren, um sie nach den Kämpfen einfach zurückzulassen; auch sind sie so groß und auffällig, dass sie beim „Aufräumen“ normalerweise nicht übersehen wurden. Übrig blieben allenfalls Kleinteile und kleine Geschosse wie Pfeilspitzen oder Schleuderbleie; kamen solche Waffen nicht zum Einsatz, sind die Spuren spärlich, da Schlachtfelder nach den Kämpfen zu allen Zeiten durch die Sieger oder die einheimische Bevölkerung abgesucht wurden.


Das Fundareal Kalkriese erlaubt es erstmals, detaillierter zu untersuchen, unter welchen Voraussetzungen von antiken Kampfhandlungen überhaupt erheblichere Mengen der militärischen Ausrüstung zurückbleiben können. In Kalkriese werden nicht die Spuren eines Stellungskrieges greifbar, bei dem sich die Kriegsparteien in geordneten Kampfverbänden gegenüberstanden; hier ist von wiederholten germanischen Angriffen auf ein auf dem Marsch befindliches römisches Heer auszugehen, so dass sich die Kämpfe über mehr als 15 Kilometer am Fuß von Wiehengebirge und Kalkrieser Berg erstreckt haben. Für schlachtfeldarchäologische Forschungen ist dies insofern ein großer Vorteil, als wir aus der Quantität wie der Qualität der Funde in den einzelnen Kampfabschnitten Rückschlüsse ziehen können auf unterschiedliche dem Verlust zugrundeliegende Ereignisse. Die bei Feldbegehungen und Ausgrabungen an verschiedenen Plätzen in diesem ausgedehnten Untersuchungsgebiet entdeckte Fundmenge ist keineswegs einheitlich, doch zeichnen sich inzwischen erste Erklärungsmöglichkeiten für diese zunächst unerwartete Fundverteilung ab: Es ist nicht allein die Intensität der eigentlichen Kämpfe, die den Umfang der heutigen archäologischen Hinterlassenschaft beeinflusst hat; mindestens ebenso ausschlaggebend ist der Umgang mit den Toten und Verwundeten sowie ihrer Ausrüstung nach der Schlacht. Die archäologisch fassbaren Verhaltensmuster reichen vom Bergen der Toten bis zu Plünderung, Fleddern der Leichen und Verschrottung des Metalls.
Insofern führt die Beschäftigung mit dem Fundplatz Kalkriese nicht in erster Linie zu einer Auseinandersetzung mit militärgeschichtlichen Details, sondern vielmehr zu einem eingehenden Studium der Prozesse nach den Kampfhandlungen, die nicht nur einen wesentlichen Einfluss auf die Überlieferung des heutigen archäologischen Fundmaterials gehabt haben, sondern darüber hinaus Einblicke gewähren in die Grausamkeit antiker Kriege auch jenseits der eigentlichen Kämpfe.
Eine derartige methodisch-quellenkritische Herangehensweise führt im übrigen auch zu neuen Erkenntnissen, die als zusätzliche Indizien eine Identifizierung des Fundplatzes Kalkriese als Ort der historisch überlieferten Varusschlacht äußerst wahrscheinlich machen.

 

4. Februar 2009
Der augusteische Stützpunkt bei Hedemünden an der Werra und seine neu entdeckten Außenanlagen
Klaus Grote (Landkreis Göttingen, Kreisarchäologie) www.grote-archaeologie.de

Der 2003 entdeckte römische Stützpunkt im Werratal bei Hedemünden (Stadt Hann. Münden, Ldkr. Göttingen, Niedersachsen) steht seitdem im Mittelpunkt intensiver Geländeforschungen. Nachdem anfangs nur der alt bekannte Ringwall „Hünenburg“, bis dahin allgemein in die jüngere vorrömische Eisenzeit datiert, als römische Wehranlage erkannt war, hat sich inzwischen als Ergebnis weiterer Entdeckungen, Grabungen und vieler Neufunde das Bild einer mehrteiligen, komplexen Anlage ergeben. Trotz aller erreichten Fortschritte ist der Weg zu einer gesicherten Vorstellung über Aussehen und Funktionen der einzelnen Teilbereiche noch weit. Dies betrifft ebenso die noch offene Frage zur endgültigen Gesamtausdehnung des Stützpunktes.
Derzeit kann der Befund wie folgt zusammenfassend dargestellt werden:
Römerlager

Auf dem Burgberg westlich von Hedemünden befindet sich, rund 60 – 90 m über der Talaue der Werra, der als Römerlager bezeichnete eigentliche Stützpunkt. Erkannt sind hier - auf der Hochfläche des bewaldeten Berges – das Hauptlager I (rund 3,2 Hektar Fläche) mit ringsum erhaltener Wall-Graben-Wehranlage, vier Toren, fast flächenfüllender Innenbebauung und reichhaltigem Fundmaterial, daran südlich bis zur Steilhangkante angebaut das kleinere Lager II (rund 1,2 Hektar) mit Wall-Graben-Befestigung. Westlich wie nördlich des Lagers I sind auf der Hochfläche über das Fundvorkommen römischer Militaria weitere, wohl unbefestigte Aktivitätsbereiche nachgewiesen (III und VI). Auf dem östlichen Bergabhang zeichnen sich über Wälle, Terrassierungen, Luftbild- und Magnetometerbefunde sowie auch erste Funde die Bereiche IV und V ab. Das Areal IV wird aufgrund seiner Größe und Umrissform als – archäologisch noch zu verifizierendes – Marschlager angesprochen. Der Gesamtkomplex I bis VI nimmt nach derzeitiger Kenntnis eine Flächengröße von rund 25 Hektar ein.
Hauptlager I

Der Großteil der archäologischen Untersuchungen (geophysikalische Prospektion, Funderfassung, -feinkartierung und –bergung mit dem Metalldetektor[1], Kartierungen der Oberflächenmorphologie und sichtbaren Baubefunde, Grabungen) konzentrierte sich bis heute auf das Hauptlager I. So ergeben die einzelnen Schichtebenen der Kartierungen, Fundverteilungen und Magnetometerprospektion übereinander gelegt das Gesamtbild der einheitlich NW-SO-ausgerichteten Innenbesiedlung aus Holzbauten und Zelten. Viele der Holzbauten – von unterschiedlicher Größe, zwischen ca. 20 und 1200 qm Fläche - besaßen eine Unterkonstruktion aus zusammengelegten, örtlich vorkommenden Großsteinen (Sandstein). Einzelne Blöcke wurden artifiziell gespalten, zugeschlagen oder mit Balkenauflagemulden versehen. Auf diesen z. T. als geschlossene Rechtecke erhaltenen Konfigurationen standen offensichtlich hölzerne Schwellrahmenbauten; so wurden auch unterlüftete Böden (z. B. für Horrea).ermöglicht. Probegrabungen haben über Baudetails, Verzahnung mit Gruben und Fundmaterial die römerzeitliche Datierung bestätigt.
Zentralbau

Als Zentralbau (Principia?) wird eine quadratische Anlage von rund 40 m Kantenlängen – mit mehreren seitlichen Annexen - bezeichnet, die fast in der Mitte des Lagers I die höchste Geländeerhebung eingenommen hat. Sie bestand aus einem äußeren Umgangsweg von rund 2 m Breite, der als flache dammartige Steinpacklage mit gesetzten Steinkanten konstruiert war. Über das Innere des Bauwerks selbst besteht noch keine Vorstellung; die Magnetometerbefunde und Steinüberreste machen ein komplexes Gebilde aus Holzbau und Freifläche wahrscheinlich. Der Umgangsweg wurde ausweislich zahlreicher eiserner Sandalennägel stark frequentiert. Der Zentralbau ist wohl durch Brand zerstört worden. Das enge Umfeld weist eine auffällige Fundverdichtung, auch mit besonderen metallischen Kleinfunden (Militaria, Münzen, Amulett, Fibel usw.) auf.
Mit weiteren Probegrabungen wurden im Lager I verschiedene Einzelbefunde untersucht (Wall- und Grabenschnitte, Südtor, steingesetzte Feuerstellen, Feldbackofen, diverse Gruben).
Die Funde

Das bislang geborgene Fundmaterial setzt sich überwiegend aus den Metallobjekten der Detektorprospektion und der Grabungen zusammen. Es umfasst derzeit[2] rund 1.500 römisch determinierbare Teile. Vertreten sind die Gruppen der Militaria (Dolch, Schwert, mehrere Pila, Lanzenspitzen, Katapultbolzen), Pionier-Großgeräte (Dolabrae, Dechselhämmer, Schaufel), Tross- und Anschirrungsteile, Werkzeuge und Geräte, auch für die Metall-, Holz- und Lederverarbeitung, besondere Einzelfunde aus Buntmetall (Fibel, Amulett, Spatel, Kasserollenteile) und Blei, Baubeschläge, Nägel und Zeltheringe, außerdem rund 500 eiserne Sandalennägel. Aus Basaltlava liegen Drehmühlsteine vor. Über Keramikbruch sind zum einen die römischen bzw. provinzialrömischen Gefäßvarianten (Olivenölamphoren, bauchige Enghalskrüge u.a.) belegt, andererseits auch die einheimischen jüngereisenzeitlichen Gefäßtypen.
Über das Münzspektrum, insbesondere die Serie der Nemausus-Prägungen der Zeit zwischen 16 – 8 v. Chr., ist für das Lager I eine Datierung mindestens in den Oberadenhorizont gesichert. Der historische Hintergrund ist mit den Germanien-Feldzügen unter Drusus (ausgehend vom Rhein: Mainz und Xanten) gegeben. Die Errichtung des Stützpunktes datiert somit in die Jahre zwischen 11 bis 9 v. Chr. Das Ende der Anlage – wann, auf welche Weise (kriegerische Zerstörung oder eigene Aufgabe?) – bleibt vorläufig offen, da die Untersuchungen auch in den anderen Lagerbereichen abgewartet werden müssen. Aufgrund der strategischen Lage und der historischen Abläufe wäre für Hedemünden noch eine spätere Nutzung während des Haltern-Horizontes und der Germanicus-Feldzüge plausibel.
Außenanlagen im Umkreis

Im Gelände wurde die Lage der Werrafurt sowie ein rund 8 km langes Teilstück der antiken Hauptwegelinie beiderseits des Stützpunktes ermittelt. Dies gelang anhand sichtbarer Trassenabschnitte unter Wald, vergesellschaftet mit zahlreichen römischen Metallfunden (Sandalennägel, Wagenteile, Dolch u.a.), aber auch anhand von Luftbildbefunden.
Auf dieser Linie wurden zudem befestigte Außenposten lokalisiert:
Nordöstlich (Richtung südliches Leinetal/Raum Göttingen) in rund 5 km Entfernung ein topographisch erhöht liegender Posten mit Metallfunden (Sandalennägel, Nägel, Schienenpanzerschnalle, Münzrest u.a.). Hangabwärts davor könnten sich ausweislich jüngster Luftbildbefunde die Reste eines großflächigen Marschlagers ergeben.
Südwestlich (Richtung Nordhessen/Raum Kassel) in rund 2,5 km Entfernung in Hochlage des Kaufunger Waldes ein Kleinlager von rund 4.000 qm Größe, befestigt mit Wall und Graben. Daraus liegen zahlreiche Metallfunde vor, z. B. ein Nemausus-As, Messinggefäßteile, Wagenbeschläge, eine große eiserne Fessel (Typ Storch), diverse Sandalennägel. Dazu kommen Schlackenfunde einer Eisenverarbeitungsstelle sowie Amphorenscherben.
Hier werden die Geländeuntersuchungen aktuell und intensiv fortgesetzt.


Im Sommer 2009 findet im Hann. Mündener städtischen Museum (Welfenschloss) eine rund viermonatige Sonderausstellung über das Römerlager statt. Eine vorläufige Gesamtpublikation ist nach Abschluss der Grabungskampagnen für 2011 absehbar.


[1] Wegen der erheblichen Mengen an Fundverschleppung und andauernden Gefährdung durch illegale Sondengängerei eine vordringliche, inzwischen weitgehend abgeschlossene Maßnahme.
[2] Stand Juli 2008.

 

25. März 2009
Die Provinz Germania Inferior: Aspekte ihrer Archäologie und Geschichte
Tilman Bechert (Stadtarchäologie Duisburg)

Kein Abstract vorhanden.

 

15. April 2009
Römische Außenpolitik im 1. Jahrhundert und die Einrichtung des Nieder-germanischen Limes
Michael Erdrich (Universität Lublin)

Kein Abstract vorhanden.

 

29. April
„Besiegt sind alle Völker zwischen Rhein und Elbe“ – Die Elbe als Ziel römischer Germanienpolitik
Rainer Wiegels (Universität Osnabrück)

In der Vortragsreihe „Römer und Germanen in Nordwestdeutschland“ wird Prof. Rainer Wiegels am Mittwoch, den 29. April über die Elbe als Ziel römischer Germanienpolitik sprechen. Der Vortrag findet wie üblich in der Volkshochschule um 19 Uhr statt (Eintritt 4 Euro – Studenten und Schüler kostenlos).
Die Bedeutung der Elbe im Rahmen der römischen Germanienpolitik gehört zu den umstrittensten Problemen der Grenzpolitik Roms an seiner Nordfront. Dieses betrifft vor allem den Zeitraum ab den Feldzügen des Drusus in das rechtsrheinische Germanien 12 v. Chr. bis zur Abberufung des Germanicus vom germanischen Kriegsschauplatz durch Kaiser Tiberius 16 n. Chr. Aber auch danach noch spielt die Elbe im Bewusstsein der Zeitgenossen eine bemerkenswerte Rolle. Zwar verblasst ihre Bedeutung nach und nach als konkretes militärisches und politisches Ziel, doch verschwindet sie noch für lange Zeit nicht aus dem Bewusstsein der gebildeten Zeitgenossen des Mittelmeerraumes. Sie blieb in der geographischen Literatur wie in der Dichtung gegenwärtig, wobei reale Erkenntnisse mehr und mehr verloren gingen und der Fluss eher einen symbolischen Charakter erhielt.
Der „Griff Roms nach dem ‚freien‘ Germanien“, wie man schon 19. und 20. Jahrhundert formuliert hat, hängt entscheidend von der Frage ab, welche Zielsetzungen Rom mit seiner offensiven Politik an Rhein und Donau verfolgte. Auch wenn unstrittig „Freies Germanien“ eine ideologisch belastete Bezeichnung der Neuzeit gegenüber der antiken Umschreibung des Gebietes als „Großes Germanien“ ist, bestehen erhebliche Differenzen über den Charakter und die Ziele römischer Grenzpolitik. Zwischen einer minimalistischen Auffassung, nach der Rom nie die Einverleibung der Gebiete zwischen Rhein und Elbe angestrebt habe, und einer maximalistischen, wonach Roms Streben prinzipiell grenzenlos gewesen sei und damit auch an der Elbe nicht Halt gemacht hätte, finden sich verschiedene vermittelnde Positionen.
Einleitend sollen daher wichtige Etappen der Forschung vorgestellt und damit zugleich in die Problematik römischer Germanienpolitik ab augusteischer Zeit eingeführt werden. Im Folgenden wird zu fragen sein, welche geographischen Vorstellungen und welches Wissen die Römer von und über die Elbe und das Elbgebiet besaßen. Im Zentrum der Überlegungen werden dann die Feldzüge Roms nach Germanien in augusteischer und frühtiberischer Zeit stehen, wobei die Rolle der Elbe als strategisches und politisches, aber auch ideologisch instrumentalisiertes Ziel im Mittelpunkt stehen wird. Zugleich wird zu fragen sein, wann und unter welchen Voraussetzungen Rom jegliche Absichten eines Ausgreifens in den großgermanischen Raum hinein aufgab und inwieweit dieser „Rückzug“ als Scheitern zu werten ist.

 

13. Mai 2009
Solidi, ein Schatzfundhorizont der späten Kaiserzeit
Wolfgang Schlüter (Universität Osnabrück)

Der Schatzfundhorizont des 4./5. Jahrhunderts n. Chr. erstreckt sich von Ijsselmeer und Niederrhein im Nordwesten und Westen bis zur mittleren Weser im Osten. Er setzt sich zusammen aus Fundkomplexen, die entweder aus spätrömischen Goldmünzen, den Solidi, bestehen oder aus Hals und Armringen, die aus eingeschmolzenen Goldprägungen gefertigt wurden, gleichfalls aber sowohl Münzen als auch goldene Herrschaftsinsignien beinhalten können. Einzeln aufgefundene Solidi werden darüber hinaus ebenfalls als bewusst niedergelegte Objekte, nämlich als so genannte Einstückhorte, angesehen. Der Schatzfundhorizont ist eines der Kennzeichen des Siedlungsraums der fränkischen Stämme während der späten Kaiserzeit. Er fehlt im Bereich der nordöstlich des fränkischen Gebietes liegenden Wohnsitze der Sachsen.


Die römischen Goldmünzen sind im Zuge der Rekrutierung fränkischer Söldner für das römische Heer, die in der Regel in Form einer Übernahme von Gefolgschaften als reguläre Truppeneinheiten (auxilia) in das mobile Feldheer erfolgte, als Werbe , Sold und Subsidienzahlungen in die fränkischen Stammesgebiete geflossen. Vor allem die wohl vertraglich abgewickelten Zahlungen an die Stammeseliten führten zur Thesaurierung des Goldes. Insgesamt zeichnen sich vier Schatzbildungshorizonte ab, die sich jeweils mit bestimmten politisch-militärischen Ereignissen in Beziehung setzen lassen. Sie liegen zwischen 350 und 353, zwischen 364/367 und 395, um 407/410 sowie nach 424. Die beiden jüngsten Horizonte sind in den Schätzen der äußeren Zone des fränkischen Siedlungsgebietes – es handelt sich um die Wohnsitze der Tvihanten in Drenthe sowie um diejenigen der Falchovarier und der Angrivarier im Westlichen Weserbergland – nicht mehr vertreten, der jüngste Horizont erscheint demgegenüber nur noch in Fundkomplexen, die unmittelbar am Niederrhein in den Boden gelangt sind.


Vorherrschend war deshalb lange die Auffassung, dieser Befund sei der Niederschlag kriegerischer Vorstöße der Sachsen in die fränkischen Gebiete südlich des Wiehengebirges um 370 bzw. nach 395 sowie 407/410 bzw. 415/420 sowie von Angelsachsen, Thüringen und Warnen in das fränkische Territorium zwischen Niederrhein und unterer Ems. Wegen des Fehlens anderer archäologischer oder gar schriftlicher Belege für kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Franken und Sachsen im ausgehenden 4. und frühen 5. Jahrhundert werden die Horte heute nicht mehr als Verwahrfunde, sondern als Opfer oder Weihefunde der fränkischen Stammeselite interpretiert, und man geht nicht mehr vor mehreren, den Schatzbildungshorizonten entsprechender Niederlegungsphasen aus, sondern von einem einzigen Vergrabungshorizont während des mittleren Drittels des 5. Jahrhunderts. Begründet wird diese Auffassung u.a. mit dem Zeitraum der Fertigung der als Herrschaftssymbole angesehenen goldenen Hals und Armringe: denn offensichtlich sind sie erst während der Jahrzehnte um 450 hergestellt worden. Dass aber bereits im 4. Jahrhundert abgeschlossenen Münzschatzbildungen solche Ringe enthalten, macht deutlich, dass der Zeitpunkt des „Schließens“ eines Münzschatzes nicht ohne weiteres mit dem Zeitpunkt des Vergrabens gleichgesetzt werden kann. Anlass der kultisch bedingten Niederlegungen durch Angehörige der führenden Gesellschaftsschicht der fränkischen HaHa


Stämme könnte die Abwanderung großer Teile der Bevölkerung in die linksrheinischen Gebiete gewesen sein. Die weitgehend identische Zusammensetzung der Opferfunde und ihre wohl innerhalb eines begrenzten Zeitraums erfolgte und auf einen gleichartigen Anlass zurückgehende Vergrabung lässt zudem vermuten, dass die Gemeinsamkeiten der fränkischen Völkerschaften zwischen Ijsselmeer/Niederrhein und Ostwestfalen über rein kulturelle Beziehungen hinausgingen. Vielmehr ist die Existenz einer kultisch-religiösen und politisch-militärischen Gemeinschaft wahrscheinlich. Die Klammer dieses „Frankenbundes“ könnte die enge Verbindung der Stammeseliten untereinander gewesen sein.
Der unterschiedliche materielle Wert der Opfergaben – er schwankt zwischen 100 und 2.250 g Gold – spiegelt den unterschiedlichen Rang der an den Opferhandlungen beteiligten fränkischen Herrschaftsträger wider. Die der Archäologie bekannten Goldschätze der Zeit zwischen 350 und 450 haben ein Gesamtgewicht von rund 10 kg. Geht man davon aus, dass zum einen nur ein Teil des thesaurierten Goldes den Göttern geweiht und vergraben und zum anderen lediglich ein geringer Bruchteil der im Boden niedergelegten Schätze entdeckt worden ist, sind sicherlich in knapp 100 Jahren mehrere 100 kg Gold in Gestalt römischer Solidi in die altfränkischen Gebiete gelangt.

 

27. Mai 2009
Zwischen Rhein und Irminsul – Westfalen zur Zeit der Sachsenkriege
Christoph Grünewald (Landschaftsverband Westfalen-Lippe)

Nach den Ereignissen um die römischen Okkupationsbemühungen, die mit der Varusschlacht 9 nach Chr. bekanntermaßen ihren Abschluss fanden, stand Westfalen erst
700 Jahre später wieder im Rampenlicht der „Weltgeschichte“. Die Schriftquellen der Spätantike berichten immer wieder von Kriegszügen von Franken, Sachsen, Friesen und Thüringern, in wechselnden Koalitionen mit– oder gegeneinander. Auch Westfalen dürfte davon berührt worden sein. Mit der Konsolidierung im 5. Jahrhundert und der Eroberung der Gebiete der Alamannen, Thüringer und Bajuwaren – um nur einige zu nennen – wird das fränkische Reich zur Großmacht in Westeuropa. Damit geraten naturgemäß auch die Gebiete östlich des Rheins ins Blickfeld. Handelte es sich im 7. und frühen 8. Jahrhundert noch um einzelne Auseinandersetzungen, bei denen es mehr um sächsische Beutezüge und fränkische Kriegszüge zur Durchsetzung von Tributzahlungen ging, eskaliert die Situation in den 70er Jahren des 8. Jahrhunderts. Beginnt diese Phase mit der Zerstörung der Irminsul 772, endet der „langwierigste, grausamste und für die Franken anstrengendste Krieg“ (so Einhard in der Vita Karoli) mit der Vertreibung der nordelbischen Sachsen im Jahre 804. Stand am Anfang noch die „perfidia“, die Untreue der Sachsen als Kriegsgrund in den Quellen, so wird doch bald die Christianisierung der Sachsen das Hauptziel – so zumindest die zeitgenössische fränkische Propaganda.
Die Unterwerfung der Sachsen hat für Westfalen und Nordwestdeutschland tiefgreifende Auswirkungen. Vor allem die Massentaufen und die Einführung einer flächendeckenden kirchlichen Organisation des Landes führten zu sichtbaren Veränderungen: Mit den Kirchen kam die Steinarchitektur, mit den Klöstern breitete sich die Kenntnis von Buch und Schrift aus und die alten, heidnischen Nekropolen außerhalb der Siedlungen wurden von neuen Bestattungsplätzen bei den Kirchen abgelöst.


So weit das - sicherlich zutreffende – Bild aus den Schriftquellen. Die Frage ist, was die archäologischen Quellen über diese Zeit aussagen. Da die Archivalien nur über Ereignisse der hohen Politik Auskunft geben – und dies nicht einmal neutral und zweckfrei – sind wir auf Bodenfunde angewiesen, um mehr über das tägliche Leben zu erfahren, aber auch darüber, welche Auswirkungen und Konsequenzen die Sachsenkriege und die Christianisierung für die Menschen in den Siedlungen zwischen Rhein und Weser hatten.
Die Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte zeigen hier ein sehr viel differenzierteres Bild als es die Schriftquellen vermuten lassen. Franken und Sachsen lassen sich anhand der Trachtausstattung, der Bewaffnung, des Hausrats oder der Siedlungsformen in Westfalen an keiner Stelle zweifelsfrei voneinander unterscheiden.
Kleinräumig, sogar innerhalb einer Siedlungsgemeinschaft, muss mehr mit einem Nebeneinander als einem Gegeneinander gerechnet werden. Eindeutige Spuren der Sachsenkriege – verbrannte Siedlung, Schlachtfelder oder Kriegstote – können nur in Einzelfällen identifiziert werden. Spuren zugewanderter Franken als neuer Herrschaftsschicht fehlen im Siedlungsbild, zunächst auf dem Lande. Allerdings beginnen sich vor allem um die Kirchen herum feste Ansiedlungen mit Spuren handwerklicher Produktion zu bilden, die Keimzellen der späteren Städte. Die Christianisierung, die ja den Krieg legitimieren sollte, hatte wohl ohnehin längst begonnen, zog sich aber dann noch über mehr als 100 Jahre hin. Bereits im 6. Jahrhundert war in Soest eine Saline in Betrieb, möglicherweise ebenso unter fränkischer Organisation wie eine Töpferei, die im 7. Jahrhundert in Geseke typisch fränkische Keramik produzierte.
Neufunde aus frühmittelalterlichen Wüstungen aus Ostwestfalen und der Soester Boerde oder Friedhöfen der Hellwegzone belegen einen Austausch von Gütern und Menschen nicht nur zwischen Franken und Sachsen, sondern auch beispielsweise mit Thüringern oder Langobarden.


Die Archäologie fügt dem holzschnittartigen Geschichtsbild – Franken links des Rheins, Sachsen rechts des Rheins als unversöhnliche Feinde – eine Unzahl von Facetten bei. Sie zeigt uns, dass die Geschichte, betrachtet man sie ganzheitlich, komplizierter und vielschichtiger ist als es unsere Schulbücher vermitteln.

 

10. Juni 2009
Römer und Germanen im römischen Reich
Christoph Reichmann (Museum Burg Linn, Krefeld)

Im Unterschied zu Obergermanien war der größte Teil Niedergermaniens schon in „alter Zeit“ germanisches Siedlungsgebiet. Zwar versuchte Caesar dem Leser zu suggerieren, dass dies das Ergebnis einer historischer Wanderbewegungen gewesen sei, doch konstruierte man erst in der Zeit des Augustus aus seinen Angaben eine „wirkliche“ Einwanderungsgeschichte“, den berühmten Namensatz in der Germania des Tacitus. Die archäologischen Funde zeigen indes, dass die Siedlungsentwicklung in Niedergermanien über lange Zeit recht stabil war. Größere Veränderungen ergaben sich erst in Folge der Neuordnung Galliens unter Augustus, allerdings werden auch deren Auswirkungen häufig überschätzt. Schließlich ging es zunächst nur darum die Grenzziehung Caesars am Rhein auch verwaltungstechnisch abzusichern und damit die am Rhein wohnenden Stämme auf eine Seite des Stroms festzulegen. Während sich die Ubier (um Köln) und die Bataver (um Nijmegen) freiwillig für die römische Seite entschieden und damit auf ihre rechtsrheinischen Besitzungen verzichteten, wofür sie allerdings linksrheinisch entschädigt wurden, fügten sich die Sugambrer (um Xanten) nur der militärischen Gewalt (8. v. Chr.).


Interessant ist nun, dass sie sich offenbar in Folge ihrer Niederlage verpflichtet fühlten ihren alten Namen abzulegen und einen neuen anzunehmen (Cugerner). Dies läßt darauf schließen, dass die Stammesnamen damals bei den Germanen noch weithin „sprechend“ gewesen sind, also über die bloße Bennungsfunktion hinaus auch eine inhaltliche Aussage zu machen hatten.
Weiter bemerkenswert ist, dass die Sugambrer bis zu ihrer endgültigen Niederlage und Umsiedlung anscheinend die Führung der romfeindlichen „Partei“ unter den germanischen Stämmen inne hatten. Diese Funktion des Stammes wird auch in den Inschriften auf den kaiserlichen Siegesdenkmälern deutlich. Der Stamm steht damit in deutlichem Gegensatz zu seinen Nachbarn, insbesondere den Ubiern im Süden, denn diese hatten schon Caesar als Kundschafter in germanischen Angelegenheiten gedient und auch nie irgendwelche Zweifel an ihrer Position aufkommen lassen. Anscheinend standen sie ebenso konsequent auf der Seite Roms, wie ihre Nachbarn auf der der Gegner. Allerdings beschreibt Caesar die Ubier als einen schon von Alters her Neuem und Fremden, insbesondere auch fremden Kaufleuten gegenüber, ungewöhnlich aufgeschlossenen Stamm, so dass die Annahme naheliegt, dass es hier nicht allein um Rom ging, sondern um eine grundsätzliche Einstellung gegenüber allem Neuen.


Deutlich zeigt sich dies auch an den religiösen Gepflogenheiten des Stammes, wenngleich deren römisch umgeprägte Form erst relativ spät fassbar wird. So verehrten sie in besonderer Weise eine weibliche Götterdreiheit (Matrones), die gewöhnlich in einheimischer Tracht dargestellt ist und prall gefüllte Fruchtkörbe hält. Dagegen huldigten ihre kriegerischen Nachbarn bevorzugt einer Gottheit, die von den Römern mit Herkules verglichen wurde, so dass auch hier die politische Stellungnahme mit einer religiösen Vorprägung in Verbindung gestanden zu haben scheint.
Dass der an die Neuordnung anschließende Romanisierungsprozess in den verschiedenen Regionen Niedergermaniens unterschiedlich ablief, scheint hingegen nicht nur von den unterschiedlichen Stammesprofilen abhängig gewesen zu sein, sondern auch von den unterschiedlichen landschaftlichen Gegebenheiten. So mussten die Erfolge in den fruchtbaren Lössbörden zwischen Köln und Aachen schon von Natur aus größer ausfallen als auf den armen Sandböden Nordbrabants. Während man in der Börde schon recht bald ziemlich durchgängig den Bautyp der gallo-römischen Villa übernahm, bildete auf den Sandböden das in traditioneller Holzpfostenbauweise errichtete germanische Wohnstallhaus bis in die Spätantike hinein den vorherrschenden Bautyp.


Aber auch der einheimische Adel ging offenbar nie vollständig in der römischen Verwaltung unter. Zwar wurde sein Einfluss nach dem großen Aufstand der Jahre 69/70 stärker eingeschränkt, doch zeigt die Coloniegründung in Xanten unter Kaiser Traian sehr deutlich, was auch nachher noch möglich war. Ohne die Konkurrenzstellung zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln) im Gebiet der Ubier wäre diese Neugründung auf cugernischem Boden wohl kaum zustande gekommen, zumindest nicht im Range einer Colonia, da selbst die Hauptstadt Obergermaniens (Mainz) auf diesen Status verzichten konnte.
Dem entspricht die Rolle Xantens in den fränkischen „Mythen“ des frühen Mittelalters. Obwohl sich die Neugründung des fränkischen Großstammes - vermutlich zu Beginn des 3. Jahrhunderts – zweifellos rechts des Rheins vollzog, blieb doch die alte Vorreiterrolle der Sugambrer in der germanischen Fraktion der Traditionalisten unvergessen, wie die berühmten Worte des Remigius bei der Taufe Chlodwigs (497 oder 498) eindrucksvoll belegen: „Mitis depone colla, Sigamber ...(Beuge deinen Nacken, Sugambrer...). Dies war keine leere, rein literarische Reminiszenz.